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Tameras Besuchsrichtlinien in Solidarität mit Palästina

Wir stehen an der Seite der PalästinenserInnen – und führen zusätzliche Richtlinien ein

Wir möchten Sie über unsere Haltung zu Palästina informieren und darüber, wie diese unsere Arbeit und Besuchsrichtlinien prägt, damit Sie sich vor Ihrem Besuch in Tamera mit diesem Thema auseinandersetzen und sich entsprechend vorbereiten können.

Als Gemeinschaft stehen wir für gewaltfreie Befreiung von allen Formen der Unterdrückung. Deshalb bekräftigen wir die Bedürfnisse der PalästinenserInnen nach Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und Rückkehrrecht und sehen diese nicht im Widerspruch zu den Bedürfnissen von JüdInnen oder irgendeiner anderen Gruppe in der Region.

Wir bekräftigen, dass das, was in Gaza geschieht, ein Genozid ist, der auf Jahrzehnten von Besatzung, Apartheid und Siedlerkolonialismus aufbaut. Angesichts des Ausmasses der ausgeübten Gewalt; der Tatsache, dass westliche Regierungen und Wirtschaftssysteme den Genozid und die Besatzung aktiv unterstützen; der grossen Anzahl israelischer (ehemaliger) SoldatInnen, die Tamera besuchen; und der Tatsache, dass wir palästinensische Gemeinschaftsmitglieder haben, entscheiden wir uns nun dafür, in Tamera weitere Richtlinien umzusetzen, die darauf abzielen, Verbindungen der Komplizenschaft zu kappen und einen sichereren Raum für PalästinenserInnen zu schaffen.

Von der Tamera-Gemeinschaft, 18. Dezember 2025

Unsere ethischen Grundsätze

  • Wir arbeiten für gewaltfreie Befreiung. Wir glauben, dass jedes Leben heilig ist und dass alle Wesen es verdienen, in Sicherheit, Freiheit und Würde zu leben – unabhängig von ihrer Identität. Auch wenn wir betrauern, dass es Situationen gibt, in denen gewaltfreies Handeln schwer oder sogar unmöglich erscheint, glauben wir, dass Grausamkeit uns niemals Frieden, Gerechtigkeit oder Sicherheit näherbringen kann.
    Deshalb setzen wir uns dafür ein, Bedingungen für eine gewaltfreie Kultur zu schaffen, Wege gewaltfreier Befreiung zu unterstützen und Systeme der Unterdrückung überall dort abzubauen, wo es möglich ist. Diese ethische Haltung haben wir in diesem Kontext ebenso wie in vielen anderen Krisengebieten konsequent vertreten. Ein Beispiel dafür ist unsere Stellungnahme unmittelbar nach dem 7. Oktober 2023.
  • Wir setzen uns mit Nuancen und Komplexität auseinander: Wir erkennen den Schmerz auf allen Seiten an; wir erkennen an, dass jeder Schmerz und jede Trauer sichere Räume brauchen, um ausgedrückt, bezeugt und geheilt zu werden; und zugleich erkennen wir an, dass das Leiden zwischen israelischen JüdInnen und PalästinenserInnen in gravierend ungleicher Weise verteilt ist.
    Die Anerkennung der systematischen Unterdrückung und Auslöschung der PalästinenserInnen entwertet nicht das Leiden jüdischer Israelis durch die anhaltende Gewalt und vererbte Traumata. Dennoch glauben wir, dass dieser Schmerz nicht mit dem Leiden der PalästinenserInnen unter andauerndem Genozid, Besatzung und Apartheid gleichgesetzt werden darf und Gewalt gegen PalästinenserInnen in keiner Weise rechtfertigen oder entschuldigen kann.
    Wir betonen: Unsere Haltung gegen Genozid, Besatzung und Apartheid ist keine Haltung gegen Israelis oder JüdInnen – vielmehr beziehen wir Stellung für das Leben. Siehe dazu zum Beispiel die Stellungnahmen von Jewish Voice for Peace, Jews Demand Action, Rabbis for Ceasefire oder B’Tselem.
  • Wir verpflichten uns Heilung und restaurativer Gerechtigkeit. Als Mitglieder der Tamera-Gemeinschaft verpflichten wir uns der inneren Friedensarbeit – dem Verstehen und Transformieren jener toxischen Muster in uns selbst, durch die wir anderen Schaden zufügen. Als entstehendes Heilungsbiotop, das eine gewaltfreie Transformation anstrebt, wollen wir Schaden heilen, Überlebende unterstützen und Prozesse restaurativer Gerechtigkeit ermöglichen.
    Wir setzen uns für die Befreiung aller ein – sowohl der Unterdrückten als auch der UnterdrückerInnen, der Opfer wie der TäterInnen. Im Bewusstsein, dass Menschen, die anderen Schaden zufügen, durch Entmenschlichung und Gewalt auch ihre eigene Menschlichkeit gefährden, unterstützen wir sie – sofern Bereitschaft vorhanden ist und wir die Kapazität dafür haben – darin, ihre Handlungen anzuerkennen und zu betrauern sowie sich zu Wiedergutmachung und Gewaltfreiheit zu verpflichten.
    Bitte folgen Sie diesem Link für weitere Informationen über Tameras Ansatz.

Unsere bisherigen Richtlinien und Praktiken

  • Institutioneller Boykott: Wir haben keine Partnerschaften mit israelischen staatlichen Institutionen, dem Militär oder Unternehmen, die an der Besatzung beteiligt sind, aufgebaut und werden dies auch künftig nicht tun. Wir vermeiden aktiv kulturelle und akademische Austauschformen, die staatlich finanzierte Institutionen normalisieren, und wir haben keine Waren oder Dienstleistungen von Unternehmen gekauft, die an Besatzung und Genozid beteiligt sind – und werden dies auch weiterhin nicht tun.
  • Wir verstärken palästinensische Stimmen, vermitteln Wissen über ihre Geschichte und gegenwärtige Realität und teilen die Prinzipien gewaltfreien Widerstands und internationaler Solidarität.
  • Wir leisten materielle Solidarität durch finanzielle Unterstützung und Stipendien.
  • Wir halten restaurative Rituale sowie Trauer- und Heilungskreise ab, die dabei unterstützen, Auswirkungen hörbar zu machen, die Handlungen anzuerkennen und zu betrauern, die zu ihnen geführt haben, und gleichzeitig die Menschlichkeit aller Beteiligten zu bekräftigen.

Neue Richtlinien für BesucherInnen und Partnerschaften

 

Während wir diese Praktiken fortführen werden, aktualisieren wir nun auch unsere Besuchsrichtlinien. Angesichts der beispiellosen Gewalt und Entwürdigung menschlichen Lebens, die der israelische Staat den PalästinenserInnen auferlegt hat, ist es für uns moralisch nicht mehr vertretbar, in dieser Frage unklar zu bleiben.

Unsere Haltung entspringt auch dem Verständnis, dass der Genozid nicht vorbei ist, sondern seit dem Waffenstillstand vom 10. Oktober 2025 lediglich seine Form verändert hat: Israel greift weiterhin täglich PalästinenserInnen an und tötet sie, blockiert lebensnotwendige Hilfslieferungen und entzieht den Menschen die grundlegendsten Bedingungen zum Leben, während der Winter begonnen hat und die Welt glaubt, es herrsche „Frieden“.

  • Menschen willkommen heissen: Wir werden weiterhin Menschen aller Nationalitäten beherbergen und ausbilden. Bewerbungen israelischer StaatsbürgerInnen für unsere Programme wollen wir auf Grundlage ihres individuellen Auftretens und ihrer institutionellen Zugehörigkeiten beurteilen – nicht aufgrund ihrer Nationalität.
  • Wir tolerieren auf unserem Land keine Rechtfertigungen von Genozid, Besatzung und Apartheid – genauso wenig wie Antisemitismus. Man muss nicht wie wir denken, um Tamera zu besuchen. Doch unsere öffentlichen Räume dafür zu nutzen, die Auslöschung von Völkern zu rechtfertigen, können wir nicht akzeptieren.
  • Israelische (ehemalige) SoldatInnen und Mitarbeitende von beteiligten Institutionen, die Tamera besuchen möchten: Wir heissen jene willkommen, die bereit sind, sich zur Gewaltfreiheit zu verpflichten und solche Rollen künftig hinter sich zu lassen – einschliesslich der Verweigerung von Reservedienst. Dies tun wir, um innerhalb Tameras einen sichereren Raum für PalästinenserInnen zu schaffen, und weil wir anerkennen, dass unser derzeitiger Mangel an Kapazität, BesucherInnen ohne eine solche Verpflichtung so zu begleiten, dass daraus Wahrheitsfindung, Wiedergutmachung und ein Bekenntnis zur Gewaltfreiheit entstehen könnten, uns mitschuldig an der Normalisierung des Genozids machen würde.
    • Gleichzeitig möchten wir – wann immer wir die Kapazität dazu haben – Menschen unterstützen, die eine solche Verpflichtung noch nicht eingegangen sind, sich darauf zuzubewegen. Aus diesem Grund wird es spezifische Programme geben, in denen diese Verpflichtung keine Voraussetzung für die Teilnahme ist und in denen die Facilitation-Teams darauf vorbereitet sein werden, israelische (ehemalige) SoldatInnen und/oder Mitarbeitende beteiligter Organisationen auf diese Weise zu begleiten, falls sie sich anmelden. Wir werden dies vor der Anmeldung klar kommunizieren, damit alle BesucherInnen bewusst entscheiden können, ob sie teilnehmen möchten oder nicht.
  • Menschen, die direkt oder indirekt am Genozid und an der Besatzung beteiligt waren, ermutigen wir nachdrücklich, sich auf Wahrheitsfindung, restaurativen Dialog, das Betrauern der Auswirkungen, Wiedergutmachung und die Wiederherstellung von Beziehungen einzulassen – und wir werden versuchen, sie dabei so gut wie möglich zu unterstützen. Wir erwägen, ein eigenes Angebot für Israelis zu schaffen, die sich dieser Arbeit widmen möchten.
  • Wir werden keine SprecherInnen einladen, die Genozid und Siedlerkolonialismus verteidigen: Zu Vorträgen oder als Co-FacilitatorInnen unserer Veranstaltungen laden wir ausschliesslich Menschen ein, die mit unseren ethischen Grundsätzen und unserer Haltung übereinstimmen.
  • Bereitschaft, palästinensischen Stimmen zuzuhören: Während wir Räume der Begegnung schaffen möchten, in denen sich jede Person sicher fühlen kann, ihre Erfahrungen in Verletzlichkeit und Vertrauen zu teilen, werden wir palästinensischen Stimmen Vorrang geben und Räume anbieten, die PalästinenserInnen dazu einladen, über die Auswirkungen von Genozid, Apartheid und Besatzung zu sprechen – weil ihre Stimmen in vielen Teilen der Welt weiterhin zum Schweigen gebracht, unterdrückt und verzerrt werden. Sie sind in Tamera willkommen, wenn Sie bereit sind, an solchen Räumen teilzunehmen. Auch wenn wir das immense Leiden und Trauma anerkennen, das viele Israelis dazu gebracht hat, die gegenwärtigen Akte des Genozids und alles, was ihnen vorausging, zu unterstützen, sehen wir Forderungen nach einer „ausgewogenen“ Sichtweise als eine Leugnung der extremen Machtungleichgewichte zwischen JüdInnen und AraberInnen in diesem Land.

Mit all dem hoffen wir, für alle Beteiligten mehr Klarheit zu schaffen und einen sichereren Raum entstehen zu lassen, in dem Heilung möglich werden kann.

www.tamera.org